Jungen*arbeit als Baustein für Gleichstellung
Mein Name ist Charlotte Stierand und im Rahmen meines Praktikums beim Frauenpolitischen Rat Land Brandenburg e. V. war es mir ein Anliegen, einen Blogbeitrag zum Thema Jungen*arbeit zu verfassen. Zum einen wollte ich mich mehr mit dem Themenfeld auseinandersetzen, zum anderen die Bedeutung von Jungen*arbeit als wichtigen Bestandteil und Schnittstelle von Gleichstellungsarbeit und Sozialarbeit beleuchten.
Als Frauenpolitischer Rat Land Brandenburg e.V. beschäftigen wir uns damit patriarchale Machtverhältnisse sichtbar zu machen und geschlechterbezogene Ungleichheiten abzubauen. Dafür braucht es Veränderungen sowohl auf individueller als auch auf struktureller Ebene.
Die Fachliteratur hebt hervor:
„[…] dass Männlichkeit und Weiblichkeit keine Frage der Natur sind, sondern vielmehr moderne Konstruktionen eines Systems der Zweigeschlechtlichkeit darstellen.“ (2)
Geschlechterstereotype sind demnach nicht „naturgegeben“. Sie sind gesellschaftlich konstruiert und damit auch veränderbar. Sie beeinflussen Bildungswege, Berufswahl, Einkommen, Beziehungsgestaltung, die Verteilung von Care-Arbeit, politische Teilhabe und Gesundheit.
Geschlechterreflektierende Jungen*arbeit, als Teil der geschlechterreflektierenden Pädagogik, kann genau da ansetzen und ein Baustein für Gleichstellung sein. Ulla Wittenzellner und Sarah Klemm vom Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V. definieren es wie folgt:
„Geschlechterreflektierte Pädagogik nimmt Geschlechterverhältnisse und Geschlechtervorstellungen zum Ausgangspunkt für pädagogisches Handeln. […] Mit Geschlechterreflektierter Pädagogik versuchen wir einerseits, vergeschlechtlichen Einengungen entgegenzuarbeiten und stattdessen vielfältige Entwicklungsoptionen für alle zu öffnen. Andererseits wollen wir den Blick für gesellschaftliche Ungleichheiten aufgrund von Geschlecht schärfen und Herrschaftsverhältnisse sowie Diskriminierung aufgrund von Geschlecht abbauen.“ (4)
Daran anknüpfend führte ich Interviews zum Thema Jungen*arbeit mit Katrin Krumrey, der Kinder – und Jugendbeauftragte des Landes Brandenburg, Marlen Berg und Isabell Richter die pädagogischen Fachkräfte des Mädchenprojektes “MiA” in Cottbus und Peter Bienwald dem Referenten für Jungen und junge Männer beim Bundesforum Männer und hielt die Ergebnisse zum Nachlesen folgend fest.
Was ist Jungen*arbeit?
Ziel der Jungen*arbeit ist es Räume zu schaffen, in denen Jungen* sich mit Fragen von Identität, Beziehungen, Verantwortung, Konsens und gesellschaftlichen Erwartungen auseinandersetzen können. Dabei geht es nicht darum Jungen* vorzuschreiben, wie sie zu sein haben. Vielmehr geht es darum, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich kritisch mit Geschlechterrollen auseinanderzusetzten, stereotype Erwartungen aufzubrechen und Empathie, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstreflexion zu stärken.
Der Verein Jungenarbeit Hamburg e.V. beschreibt Jungen*arbeit folgendermaßen:
„Jungenarbeit ist die pädagogische und soziale Arbeit mit Jungen und jungen Männern in der Auseinandersetzung mit individuellen und gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeiten bzw. Junge-/Mann-Sein. Dabei werden sie begleitet, ihre bisherigen Rollenvorstellungen und
Männlichkeitskonzeptionen zu reflektieren und ermuntert, neue individuelle Wege auszuprobieren.“ (1)
Welche Bedarfe sehen Fachkräfte in Brandenburg?
In den Interviews wurde deutlich: Der Bedarf an Jungen*arbeit ist vorhanden – die Angebote reichen jedoch vielerorts nicht aus.
Die Kinder- und Jugendbeauftragte des Landes Brandenburg, Katrin Krumrey, macht deutlich:
„Auch wenn wir in Brandenburg sicher noch immer zu wenig Angebote für Mädchen* haben, so muss man klar feststellen: für Jungen* fehlen entsprechende Treffpunkte und Angebote. Aber auch Jungen* brauchen außerhalb zum Beispiel des Sportvereins, Möglichkeiten sich ungestört austauschen zu können.“
Gleichzeitig verweist sie darauf, dass Angebote für Jungen* und junge Männer* auch die Akzeptanz geschlechtsspezifischer Angebote insgesamt fördern und damit auch die strukturelle Gleichberechtigung. Ebenso wichtig zu betonen sei: „Jungen*arbeit ist keine Konkurrenz zur Mädchen*arbeit. Für beide Gruppen braucht es separate, aber auch gemeinsame Räume und Angebote.“
Auch die pädagogischen Fachkräfte Marlen Berg und Isabell Richter vom MiA – Mädchentreff in Cottbus sehen deutliche Handlungsbedarfe. Aus ihrer Perspektive sind Themen wie Grenzsetzung, Respekt, Streitkultur, Konsens und Sexualität zentrale Bestandteile einer zeitgemäßen Jungen*arbeit. Sie berichten von körperlichen Grenzüberschreitungen unter Jungen*, fehlenden Räumen zur Reflexion und einem hohen Bedarf an altersgerechter Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, Sexualität und Medienbildern.
Dabei geht es auch um Prävention. Marlen Berg formuliert eine Leitfrage, die deutlich macht, dass eine kritische Auseinandersetzung mit patriarchalen Verhaltensmustern präventiv wirken kann.:
„Wie werde ich nicht zum Täter?“, spitzt die Frage nach Konzepten von Männlichkeiten zu, die ohne Grenzüberschreitungen und gewaltvollem Verhalten auskommt.
Jungen*arbeit setzt dabei nicht erst an, wenn Gewalt geschieht. Sie schafft Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen, Empathie zu entwickeln und respektvolle Beziehungen zu gestalten. Die Jungen*arbeiter fungieren hier als positive Rollenvorbilder und können ihre Werte und biografischen Erfahrungen in die Arbeit einbringen.
Jungen* in ihren eigenen Bedarfen ernst nehmen
Peter Bienwald, Referent für Jungen und junge Männer beim Bundesforum Männer, plädiert im Interview dafür, den Blick sogar noch zu erweitern. Jungen* und junge Männer* seien nicht nur Adressaten von Gleichstellungspolitik, sondern hätten eigene Fragen, Erfahrungen und Unterstützungsbedarfe.
Dabei gehe es um Themen wie Einsamkeit, Gewalterfahrungen, psychische Belastungen und das erhöhte Suizidrisiko von Jungen* und Männern*. Laut Statistischem Bundesamt lag 2024 der männliche Anteil bei Suiziden bei 71,5 %. (3) Peter Bienwald betont ebenso es fehle häufig an Räumen, in denen Jungen* eigene Erfahrungen reflektieren und mit anderen besprechen können. Er hinterfragt im Interview: „Wo haben sie den Raum, sich gut mit Männlichkeiten auseinanderzusetzen? Der fehlt generell gesellschaftlich.“
Wo solche Räume fehlen, entstehen häufig andere Formen des Austauschs. Bienwald spricht von einer „Stammtisch-Atmosphäre“, in der Stereotypen eher bestätigt als kritisch hinterfragt werden. Jungen*arbeit müsse deshalb Orte schaffen, an denen Unsicherheiten, Fragen und Erfahrungen offen besprochen werden können – ohne dabei in antifeministische und starre Rollenbilder abzurutschen.
Gleichzeitig warnt Bienwald davor, Jungen* ausschließlich als potenzielle Täter zu betrachten. Jungen* und junge Männer* seien nicht nur diejenigen, die Gewalt ausüben, sondern auch diejenigen, die Gewalt erfahren. Geschlechterreflektierende Jungen*arbeit müsse daher an den eigenen Erfahrungen von Jungen* ansetzen und darüber Empathie fördern – sowohl für sich selbst als auch für andere.
Nicht jeder Junge* braucht das gleiche Angebot
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Vielfalt von Jungen* und jungen Männern*. Bienwald macht deutlich, dass Jungen* keine homogene Gruppe sind. Ihre Lebensrealitäten, Diskriminierungserfahrungen und politischen Einstellungen unterscheiden sich erheblich.
Konkret sagt Bienwald: „Es ist wichtig, dass man mit den sehr progressiven jungen Männern* anders arbeitet als mit den sehr konservativen.“
Daraus ergibt sich für ihn eine zentrale pädagogische Aufgabe: Jungen*arbeit muss unterschiedliche Zugänge schaffen. Es braucht verschiedene Formate, Methoden und Ansprachen, um möglichst viele Jungen* und junge Männer* zu erreichen.
Dabei gehe es nicht darum, sofort die „richtige“ Haltung zu vermitteln. Vielmehr sollten Fachkräfte dort ansetzen, wo die jeweiligen Jungen* stehen, und sie auf ihrem nächsten Entwicklungsschritt begleiten: „Was braucht denn mein Gegenüber für den nächsten progressiven Schritt?“.
Für Bienwald bedeutet dies, die eigene feministische und patriarchatskritische Haltung nicht aufzugeben, gleichzeitig aber die Lebensrealitäten und Ausgangspunkte der Jungen* und jungen Männer* ernst zu nehmen.
Jungen*arbeit braucht verlässliche Strukturen
Die Interviewpartner*innen sind sich einig, dass qualitative Jungen*arbeit nicht vom Engagement einzelner Fachkräfte oder zeitlich begrenzter Projekte abhängen darf.
Isabell Richter und Marlen Berg fordern in diesem Zusammenhang, dass Politik und Verwaltung auf Landesebene und insbesondere auf kommunaler Ebene den Bedarf an Jungen*arbeit stärker wahrnehmen muss und sie als wichtigen Bestandteil geschlechterreflektierender Kinder- und Jugendarbeit verankern sollte. Nur wenn entsprechende Angebote dauerhaft auskömmlich finanziert, professionell begleitet und strukturell abgesichert werden, können sie ihre Wirkung entfalten.
Zentral sind dabei qualifizierte Fachkräfte, insbesondere auch männliche, die geschlechterreflektiert, beziehungsorientiert, patriarchatskritisch und feministisch arbeiten. Sowohl die Fachkräfte des MiA – Mädchentreffs in Cottbus als auch Peter Bienwald betonen, dass Jungen*arbeit fundierte pädagogische Kompetenzen erfordert und als eigenständiges Arbeitsfeld weiter professionalisiert werden muss. Geschlechterreflexion, feministische Perspektiven und Wissen über „Männlichkeiten“ sollten deshalb als fachliche Qualifikationen anerkannt und stärker in Ausbildung, Studium sowie Weiterbildungsangeboten verankert werden.
Neben der oben benannten stärkeren Verankerung in Jugendhilfe und Bildung braucht es aus Sicht von Peter Bienwald außerdem eine enge Zusammenarbeit von Mädchen*arbeit, Jungen*arbeit und queerer Bildungsarbeit. Zwar richten sich diese Arbeitsfelder an unterschiedliche Zielgruppen und arbeiten mit unterschiedlichen Methoden, sie verfolgen jedoch das gemeinsame Ziel: Geschlechtergerechtigkeit zu fördern und Menschen dabei zu unterstützen, sich frei von einschränkenden Rollenbildern zu entwickeln.
Ein besonderer Dank geht an unsere Interviewpartner*innen, die sich die Zeit genommen haben, ihre Expertise und Perspektiven mir uns zu teilen:
Katrin Krumrey – Kinder – und Jugendbeauftragte des Landes Brandenburg
Marlen Berg – Projektleiterin des Mädchentreffs „MiA – Mädchen in Aktion“ in Cottbus
Isabell Richter – Pädagogische Mitarbeiterin im MiA – Mädchentreff in Cottbus
Peter Bienwald – Referent für Jungen und junge Männer vom Bundesforum Männer – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e.V.
Ein weiterer Dank geht an Alina Bongk, Klara Moschütz und Friederike Arndt für die begleitende Unterstützung.
Verwendete Quellen:
1. https://jungenarbeit.info/verein/was-ist-jungenarbeit#leitlinien
2. EV, D., Hechler, A., Knothe, B. & Busche, M. (2012). Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule: Texte zu Pädagogik und Fortbildung rund um Jungen, Geschlecht und Bildung.
3. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/suizid.html
4. Klemm, S. & Wittenzellner, U. (2025). Geschlechterreflektierende Pädagogik. Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus, S. 17. https://www.dissens.de/fileadmin/schnig/Paedagogische_Handreichung/Handreichung_komplett/260331-DISSENS-Handreichung-DinA4-WEB.pdf
5. Tippe, S. (2026). Geschlechtersensible Pädagogik zum Abbau von toxischer Männlichkeit: Die feministische Jungenarbeit. In Brzank, P., Schramme, S. & Kunde-Siegel, S. Praxishandbuch Soziale Arbeit und toxische Männlichkeit. S. 321.


