Kita-Politik ist Gleichstellungspolitik: Warum Betreuung außerhalb der Standardzeiten keine Frage des Portemonnaies sein darf

Posted by on Okt. 14, 2026 in Allgemein

Wer im Pflegeheim Spätdienst hat, im Supermarkt bis zur Ladenschließung an der Kasse steht oder im Krankenhaus Wechselschichten leistet, kommt mit Standard-Kitazeiten nicht weit. Die Betreuung endet, bevor die Schicht vorbei ist. Wer das nicht über Familie oder Freunde auffangen kann, muss Stunden reduzieren oder auf private Lösungen ausweichen, die Geld kosten.

Im Land Brandenburg wird gerade über das Kita-Finanzierungsneuordnungsgesetz beraten.
Aus Sicht des Frauenpolitischen Rates geht es dabei um mehr als Verwaltungstechnik.

Was der Gesetzentwurf will und was fehlt

Die Landesregierung will die Finanzströme zwischen Land und Kommunen neu ordnen und sie transparenter, digitaler und unbürokratischer machen. Das ist nachvollziehbar. Offen bleibt aber, wer die Betreuung finanziert, die über die Standardzeiten hinausgeht. Der Paritätische Brandenburg kritisiert, dass der Entwurf die Finanzierung von Betreuungszeiten über acht Stunden nicht aufgreift. Schon heute werde mehr als zwei Drittel der Kinder länger betreut, ohne dass das Land die Personalkosten trägt.

Gerade diese Randzeiten brauchen Eltern im Schichtdienst, und es sind überwiegend Mütter, die sie organisieren müssen.

Was die Zahlen sagen

Der Gleichstellungsdatenreport Brandenburg 2025 zeigt, wie das Angebot aussieht und was es für Frauen bedeutet:

  • 86 % der Kitas öffnen vor 7 Uhr.
  • 94 % schließen zwischen 16:30 und 18:00 Uhr, nur 2 % haben länger geöffnet. Abendstunden sind kaum abgedeckt. (Zu Nächten und Wochenenden enthält der Report keine Daten.)
  • In der Altenpflege arbeiten 71 % der Frauen in Teilzeit, 63 % sind Hilfskräfte.
  • Bei den 35- bis 44-jährigen Frauen in Teilzeit nennen 42 % die Kinderbetreuung als Hauptgrund. Von der Teilzeitfalle in die Altersarmut

Teilzeit klingt nach einer Lösung, ist aber oft eine Falle. Weniger Stunden bedeuten weniger Einkommen, weniger Absicherung und später weniger Rente. Bei 70 % der beschäftigten Frauen im Haupterwerbsalter würde das Monatsentgelt nicht für eine langfristige Existenzsicherung von sich und einem Kind reichen.

Besonders hart trifft es Alleinerziehende, in Brandenburg überwiegend Frauen. 36 % der alleinerziehenden Frauen sind armutsgefährdet, 27 % der Alleinerziehenden-Bedarfsgemeinschaften beziehen Grundsicherung nach SGB II. Wer Randzeiten nicht verlässlich und bezahlbar abdecken kann, kommt aus dieser Lage schwer wieder heraus.

Ein weiterer schwieriger Punkt des Gesetzes zur Neuordnung der Kita-Finanzierung ist die geplante Erhöhung der Mittagsessenbeiträge. Mit bis zu 120,00 Euro monatlich pro Kind wird nun die manchmal einzige vollwertige Mahlzeit am Tag für in Armut lebende Familien zur Klassenfrage und lässt die Kinder schon früh spüren: Ich gehöre nicht dazu, ich bin anders als der Rest. Dies widerspricht den Grundausrichtungen der Kitas, die wenigstens am Tisch den Kindern signalisieren können: Alle bekommen dasselbe.

Demo und Diskussionsveranstaltung „Jetzt schlägt’s 13 – Praxis trifft Politik zum KitaFinNG„

Auf der Diskussionsveranstaltung am 13. Oktober im *innenRaum in Potsdam, die in Kooperation mit dem Kita-Elternbeirat Potsdam im Anschluss an die Demo mit rund 400 Teilnehmer*innen vor dem Landtag stattfand, äußersten sich auch besorgte Träger und Fachkräfte: Kürzungen, Entlassungen von hochqualifieziertem Personal oder gar die komplette Schließungen von Einrichtungen –  das alles erinnert stark an die 1990er Jahre in Brandenburg und hinterlässt ein Gefühl von Abwertung dieser Berufsgruppe und dem Konzept der Fremdbetreuung. Viele starke Gefühle suchten im Raum die richtigen Adressaten. Landtagsabgeordneter Falk Peschel (BSW) saß zu diesem ersten Treffen noch allein im Fishbowl. Weitere Gesprächsrunden sind geplant, um Politik und Verwaltung direkt und gebündelt zu adressieren.

Unsere Forderungen

  • Randzeitenbetreuung über die Standardzeit hinaus verbindlich und auskömmlich finanzieren, ohne Zusatzkosten für Eltern.
  • Bedarfe von Schichtarbeitenden systematisch erfassen und in der Kita-Planung der Kreise berücksichtigen.
  • Das Gesetz auf Folgen für Frauen und Alleinerziehende prüfen.

Fazit

Ob eine Mutter Vollzeit arbeiten kann oder in Teilzeit gedrängt wird, entscheidet sich auch daran, ob die Kita zu ihrem Arbeitsalltag passt und ob sie sich das leisten kann. Kita-Politik ist Gleichstellungspolitik. Flexible Betreuung darf keine Frage des Portemonnaies sein.

 

Quellen: Gleichstellungsdatenreport Brandenburg 2025 (MASGZ, Abb. 25, 35, 37, 38, 43, 52); Pressemitteilung der Staatskanzlei vom 02.06.2026; Paritätischer Brandenburg, 13.05.2026.