Zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft der Männer: Warum Großereignisse auch eine Gefahr für Frauen bedeuten

Posted by on Juni 4, 2026 in Allgemein

Die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt in wenigen Tagen am 11. Juni 2026.
Millionen Menschen fiebern mit, treffen sich zum Public Viewing oder schauen die Spiele mit Freund*innen und Familie. Für viele ist das ein Fest der Gemeinschaft und der Begeisterung. Doch internationale Studien zeigen seit Jahren eine andere, oft unsichtbare Seite solcher Sportgroßereignisse: Während großer Fußballturniere steigt die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt.

Untersuchungen aus England belegen, dass insbesondere rund um Fußballspiele ein deutlicher Anstieg von Gewalt in Partnerschaften zu beobachten ist.
Die Forschung zeigt dabei, dass nicht der Fußball selbst Gewalt verursacht. Vielmehr wirken Faktoren wie erhöhter Alkoholkonsum, traditionelle Männlichkeitsbilder, Gruppendruck und emotional aufgeladene Situationen als Verstärker bereits bestehender Gewaltstrukturen.

Für den Frauenpolitischen Rat Land Brandenburg e.V. ist deshalb klar: Während die Öffentlichkeit auf Tore, Tabellen und Titel blickt, dürfen wir die Sicherheit von Frauen* und Kindern nicht aus dem Blick verlieren.

Häusliche Gewalt ist kein Randthema

Häusliche Gewalt gehört zu den häufigsten Formen geschlechtsspezifischer Gewalt. Auch in Brandenburg sind die Zahlen alarmierend. „Wir verzeichnen im Bereich der häuslichen Gewalt bundesweit und auch in Brandenburg einen erheblichen Anstieg von Fällen“, sagte Justizminister Benjamin Grimm (SPD) im Potsdamer Landtag. Allein in 2025 hätten sich die Staatsanwaltschaften mit 2.991 Ermittlungsverfahren auseinandergesetzt konkretisierte Grimm. (Quelle: Tagesspiegel, 04.06.2026)
Fachberatungsstellen weisen zudem seit Jahren darauf hin, dass die tatsächlichen Fallzahlen deutlich höher liegen dürften, da viele Betroffene keine Anzeige erstatten.

Vor diesem Hintergrund müssen Erkenntnisse über Risikofaktoren ernst genommen werden – auch wenn sie mit gesellschaftlich positiv besetzten Ereignissen wie einer Fußball-Weltmeisterschaft zusammenhängen.

Gewalt entsteht nicht erst mit dem Anpfiff

Die Forschung aus Großbritannien zeigt, dass Gewalttaten insbesondere in den Stunden nach Fußballspielen zunehmen. Alkohol spielt dabei eine zentrale Rolle. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass die Ursache nicht in einem verlorenen oder gewonnenen Spiel liegt. Gewalt entsteht dort, wo Macht, Kontrolle und geschlechtsspezifische Ungleichheiten bereits vorhanden sind. Das Turnier wird dann zum Auslöser oder Verstärker. (Quelle: Football, alcohol and domestic abuse, 2021)

Deshalb greift es zu kurz, es als Einzelfälle oder „Ausrutscher“ zu bezeichnen. Häusliche Gewalt ist kein emotionaler Kontrollverlust, sondern Ausdruck struktureller Gewaltverhältnisse, von denen Frauen überproportional betroffen sind.

Auch Brandenburg muss hinschauen

Häusliche Gewalt ist keine Privatsache. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft. Nachbar*innen, Freund*innen, Familienmitglieder und Kolleg*innen können wichtige erste Ansprechpersonen sein. Brandenburg verfügt über ein Netzwerk aus Frauenhäusern, Beratungsstellen und Zufluchtswohnungen, die Schutz und Unterstützung bieten.
Diese Angebote leisten unverzichtbare Arbeit – häufig unter hoher Belastung und angesichts steigender Bedarfe.

Die bevorstehende Weltmeisterschaft sollte deshalb auch Anlass sein, über Prävention zu sprechen: über den Zusammenhang von Gewalt und Geschlechterrollen, über problematische Alkoholkulturen und über die Verantwortung von Sportverbänden, Medien und Politik.

Unser Appell zur WM

Während wir die Begeisterung für den Sport teilen, erinnern wir daran: Für manche Frauen bedeutet ein Fußballturnier keine Zeit der Freude, sondern eine Zeit erhöhter Angst.

Deshalb setzen wir uns dafür ein:

* eine stärkere öffentliche Sensibilisierung für häusliche Gewalt
* die sichtbare Bewerbung von Hilfsangeboten und Beratungsstellen,
* eine langfristige und bedarfsgerechte Finanzierung von Schutz- und Beratungsstrukturen,
* eine konsequente Umsetzung von Maßnahmen zum Schutz von Betroffenen geschlechtsspezifischer Gewalt.

Fußball verbindet Menschen. Eine demokratische und gleichberechtigte Gesellschaft zeigt sich jedoch auch daran, wie sie diejenigen schützt, die von Gewalt betroffen sind.

Die Weltmeisterschaft darf kein Grund sein, wegzuschauen. Gerade jetzt müssen wir hinschauen.

Weitere Informationen rund um häusliche Gewalt: